
Theater - das ist verdichtete Wirklichkeit, eine Behauptung, eine Erfindung. Um Theater aufzuführen, benötigt man einen Ort, der aus dem Umfeld herausgehoben ist, z.B. mittels eines Podestes oder eines Lichtkegels. Für das Freilichttheater “Der Schimmelreiter” war es mir wichtig, einen Spielort zu schaffen, der im augenfälligen Kontrast zur natürlichen Deichlandschaft steht. Regionale Bauformen, wie z.B. die Pfahlreihen der Bootsstege, wurden von mir bewusst aufgegriffen und verarbeitet, ohne jedoch konkrete Situationen nachzuahmen. Die Stilisierung in den ästhetischen Mitteln erschien mir angemessener und wahrhaftiger als eine Verliebtheit im Detail oder ein historisierender Realismus.
Im “Der Schimmelreiter” bildet die Dorfgemeinschaft um Hauke Haien ein in sich geschlossenes System. Eine Gesellschaft, die angesichts der sie umgebenden Naturgewalten für sich allein funktionieren muss. Deshalb habe ich dafür eine kreisförmige Bühne vorgesehen, die den ganzen Kosmos hinterm Deich symbolisch einfasst: Die Welt als Scheibe!
Dorthin retten sich die Menschen, dort findet ihr Leben statt. Die hintere Kante der Scheibe ist überhöht und stellt den Deich dar. Dieser bietet nicht nur Schutz, sondern ist gleichzeitig Sinnbild für den “Tellerrand”, der den eigentlichen Horizont verdeckt.
Denn natürlich geht die wirkliche Welt auch hinter dem künstlich geschaffenen Rand der umfriedeten Welt weiter. Der Deich bleibt kaum mehr als ein Versuch, sich gegen die heftigen Naturgewalten zu behaupten. Die Schräge der Bühnenkonstruktion und ihre Farbgestaltung unterstreichen, dass die umfriedete kleine Welt nicht stabil, sondern den Gefahren des andrängenden Wassers ständig ausgesetzt ist.
Die Deichkrone schlägt letztendlich um und wird zum Wellenkamm - der Deich bricht: Die dramatische Vorlage will es so: Über menschliche Hybris siegt zuletzt die Natur.